Die Eisenbahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf

Saftbahnerlebnisse
- Eine Fahrt auf der "Saftbahnstrecke" -


V o r w o r t

Als noch Reisezüge auf der Bahnstrecke Bitterfeld – Stumsdorf unterwegs waren, gab es aus dem fahrenden Zug viel zu sehen und zu erleben.
Dieser Rückblick zeigt auf, wie der Zugverkehr unmittelbar vor der Einstellung Ende September 2002 abgewickelt wurde und welche Erlebnisse und Eindrücke der Fahrgast vermittelt bekam.
Steigen Sie ein in einem Triebwagen der Baureihe 772, der im Volksmund auch "Ferkeltaxe" genannt wird.

Auf Gleis 6 in Bitterfeld wartet die Regionalbahn 37486 nach Stumsdorf auf ihre Abfahrt.
Für die 20,48 Kilometer lange Strecke benötigt der Triebwagen 39 Minuten.

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Nachdem in unserem Regionalzug der Baureihe 772 die Berufspendler, Anschlussreisende aus Halle (Saale) und Leipzig, Platz genommen haben, verlässt der Zug den Bahnhof Bitterfeld in Richtung Norden.
Nach einem kurzem Gleiswechsel unterqueren wir die Brücke, -Zörbiger Überbau-, der Bundestraße 183, um eine etwa 400 Meter lange Steigung zu bezwingen und anschließend eine derzeit nur mit 30 km/h befahrende Brücke zu überqueren. Rechter Hand wird der seit 1995 nicht mehr genutzte Lokschuppen des ehemaligen Bw Bitterfeld sichtbar. Zwischen den zum größten Teil abgebrochenen Chemiebetrieben verläuft das Gleis bis zum Haltepunkt Grube Antonie.

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Hier hat sich in den letzten Jahren nur wenig verändert. Noch heute bietet die Wartehalle dem Reisenden Schutz. Seit einiger Zeit präsentiert sie sich in einem beigen Anstrich. Jetzt beschleunigt der Zug auf 50 km/h und fährt weiter in Richtung Westen. Hinter dem Einfahrsignal kommen wir auf Gleis 2 des Bahnhofs Sandersdorf zum Halten. Das Empfangsgebäude macht einen verwahrlosten Eindruck, eine Renovierung täte not. Der Fahrdienstleiter besorgt den Fahrkartenverkauf, bedient die Weichen und Signale, zwei Schrankenanlagen und fertigt die Regionalbahnzüge ab. Der ehemalige Güterschuppen wurde zu einem Wohnhaus umgebaut. Die restlichen Gleisanlagen sind verwahrlost und rosten vor sich hin. In den achtziger Jahren war sogar vorgesehen, die Strecke bis hierher zu elektrifizieren, um den Abtransport der Braunkohle aus den naheliegenden Tagebauten rationeller zu gestalten.

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Nach vier Minuten Aufenthalt trifft pünktlich die Regionalbahn 37485 mit 772 179 aus Stumsdorf, auf Gleis 1 ein. Nachdem der Fahrdienstleiter die Schranken bedient und das Ausfahrsignal auf "Fahrt" gestellt hat, rollt der Zug weiter nach Bitterfeld. Wenig später gibt die Fahrdienstleiterin mit ihrer Kelle die Fahrt frei und wir verlassen daraufhin den Bahnhof Sandersdorf. Hinter einem Bogen verläuft unsere Strecke bis Zörbig parallel zur Bundesstraße 183. Rechts fahren wir am Strandbad Sandersdorf vorbei, das sich in einem bewaldeten Gelände befindet. In Höhe des Strandbades muß ein unbeschrankter Bahnübergang mit 15 km/h überquert werden. Trotz der Bemühung des Strandbadeigentümers konnte noch immer kein Haltepunkt an dieser Stelle errichtet werden; liegt doch das Strandbad von hier aus nur noch 100 Meter weit weg. Durch den Stakendorfer Busch und hinter zwei weiteren Langsamfahrstellen nähern wir uns dem Haltepunkt Heideloh.

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Hier existiert lediglich ein Wartehäuschen. Die Züge halten in Heideloh seit 1995 nur noch auf Bedarf. Schließlich unterqueren wir die Autobahn A9. Gleich dahinter schließt sich rechts das 1993 errichtete Gewerbegebiet von Großzöberitz und Heideloh an. Unter anderem investierten hier die Neckermann Versand AG und ein Betonsteinwerk der Firma Ehl & Schmitt. Kurz danach kommt der Zug zum Stehen, um anschließend in Schrittgeschwindigkeit einen unbeschrankten Bahnübergang zu überqueren.

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Trotz der sehr guten Ausschilderung für den Straßenverkehr, muss der Zugbegleiter den Bahnübergang mit einer Handfahne sichern. Hier kommt es oft zu eindeutigen Handbewegungen von genervten Autofahrern.
Aber die Sicherheit der Bahn geht nun einmal vor! Nach dieser gut zwei Minuten dauernden Prozedur
erreichen wir den Haltepunkt Großzöberitz.

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Das ehemalige Bahnhofsgebäude war bis 1995 bewohnt und steht nun leer. An dem dringend sanierungsbedürftigen Haus ist mittlerweile die alte Bahnhofsanschrift "Tannepöls" zum Vorschein gekommen. Die Gemeinde Großzöberitz wollte den Bahnhof von der Deutschen Bahn erwerben, um darin ein Gemeindemuseum einzurichten. Leider waren jedoch die Forderungen der Bahn zu hoch, so dass ein Kauf bislang nicht zu stande kam. Außerdem sollte das früher existierende Nebengleis zur Laderampe und zum Güterschuppen wieder aufgebaut werden. Von Großzöberitz aus war 1994 ein Anschlussgleis in das erwähnte Gewerbegebiet geplant. Da zu diesem Zeitpunkt der Fortbestand der "Saftbahn" gefährdet schien, wurde dieses Projekt nicht weiter verfolgt. Wie in Heideloh halten die Züge hier nur auf Verlangen.
Unser Triebwagen rollt nun an zahlreichen bewirtschafteten Feldern entlang. Schon bald kann man in der Ferne den Schlossturm von Zörbig erkennen. Im Bahngraben liegen mehrere Telegraphenmasten, die nicht mehr benötigt werden, da auf der Strecke Bitterfeld - Stumsdorf längst der Zugfunk eingeführt wurde. Lediglich zwischen Heideloh und Großzöberitz ist die Telegraphenleitung noch vorhanden. Nun verlassen wir die parallel verlaufende Straße und rollen durch einen größeren Gleisbogen in Richtung Nordwest, vorbei an der Konfitürenfabrik und dem Stadt-Friedhof. Mit gemischten Gefühlen überqueren wir einen unbeschrankten, aber durch Lichtzeichen gesicherten Bahnübergang. Vor nicht allzu langer Zeit ereigneten sich hier vier schwere Unfälle mit mehreren Verletzten. So stieß am 2. Mai 1996 ein Regionalzug frontal mit einem Lkw zusammen. Der Lkw-Fahrer wurde dabei schwer und der Zugführer leicht verletzt. Die Strecke musste für drei Tage gesperrt werden, da durch den Aufprall der Tank der Lok aufgerissen worden war und Kraftstoff das Erdreich verseucht hatte. Das Blenden der Abendsonne auf die Andreaskreuze hatte das Unglück verursacht.
Inzwischen ist der Zug in Zörbig zum Halten gekommen. Hier verlassen die meisten Fahrgäste den Zug.

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Bis 1989 boomte der Güterverkehr in Zörbig. Die hier fest stationierte Lokomotive der Baureihe 102 (ab 1992: 312) bediente häufig den Anschluss der Vereinigten Elektromotorenwerke (VEM) und das Gleis zur früheren Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG). Inzwischen sind die Anschlüsse abgebaut worden, und die restlichen Gütergleise verwahrlosen zunehmend. Bis 1990 gab es in Zörbig morgendliche Zugkreuzungen mit den Personenzügen aus Stumsdorf und Bitterfeld. Dafür  stand ein zweites Bahnhofsgleis zur Verfügung, das jetzt durch den Ausbau einer Weiche nicht mehr durchgängig befahrbar ist. Von 1986 bis 1998 standen in Zörbig mehrere Baudienstwagen der ehemaligen DR. Die längere Zeit nicht mehr bewohnten Fahrzeuge wurden schließlich vor Ort verschrottet. Rechts neben dem Empfangsgebäude steht der ungenutzte Güterschuppen.
In einem starken Linksbogen setzen wir die Fahrt in Richtung Süden fort. Hinter dem Bahnübergangsposten 19 ist ein Blick auf die ehemalige Kandisfabrik möglich, die ebenfalls über einen eigenen Gleisanschluss verfügte.

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Nach dem Passieren der kleinen Strengbachbrücke nähern wir uns einen unbeschrankten, aber durch Lichtzeichen gesicherten Bahnübergang. Trotz der technischen Sicherung, kommt unser Zug unmittelbar vor dem Bahnübergang erneut zum stehen, damit der Zugbegleiter auch diesen Bahnübergang mit seiner Handfahne absperren kann.  Durch die starke Frequentierung, verursacht durch den örtlichen Straßenverkehr, veranlasste das Eisenbahnbundesamt (EBA) die Durchführung einer zusätzlichen "menschlichen" Absicherung.

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Spektakulär verlief an dieser Stelle auch schon die Kollision mit einer Regionalbahn und einem 25-Tonnen Kran an, im Jahr 1995dieser Stelle. Zum Glück kam auch hier niemand zu schaden. Nach der erneuten Anfahrt folgt ein weiterer Rechtsbogen nach Westen.

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Zwischen Rüben- und Rapsfeldern fahren wir unseren Ziel Stumsdorf entgegen. In weiter Ferne sehen wir den Petersberg, der mit seinen 150 Metern in den Himmel ragt. Schließlich fährt der Zug durch eine nach Norden führende Rechtskurve, um hinter einer etwa ein Kilometer langen Langsamfahrstelle, die aufgrund alkaligeschädigter Schwellen derzeit nur mit 20 h/km befahren werden darf, das Einfahrvor- und schließlich das Einfahrsignal von Stumsdorf zu erreichen. Links befindet sich die Hauptbahn Halle (Saale) - Magdeburg, die uns noch 400 Meter parallel begleiten wird. An den alten Baracken der 1995 aufgelösten Bahnmeisterei Stumsdorf rollt die Regionalbahn in den Endbahnhof auf Gleis 3 ein. Hier endet die fahrt. Auf dem einzig überdachten Bahnsteig 2/3 steigen wir mit den restlichen Reisenden aus.

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Von hier aus besteht Anschluss in Richtung Halle (Saale) und Magdeburg. Die Hochbauten des Bahnhofes überdauerten die Zeiten. Lediglich der Wasserturm, der heute in Stumsdorf als Arbeitsraum genutzt wird, wurde zur Hälfte abgetragen. Wer heute in Stumsdorf eine Fahrkarte kaufen will, muss mit einem Automaten vorlieb nehmen, denn die Fahrkartenausgabe wurde 1994 geschlossen. Für den InterRegio- und InterCity - Verkehr wurde 1996 das Gleis 2 von Halle (Saale) nach Magdeburg für 160 km/h ausgebaut, wobei der bis dahin noch funktionstüchtige Wasserkran weichen musste. Die Arbeiten am Gegengleis folgten 1997 und 1998.


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