Stumsdorf hatte den ersten Bahnhof
Welche Bedeutung der Stumsdorfer Bahnhof, der eigentlich gleich aus zwei Gebäuden besteht, und diese heute eher unbedeutende Eisenbahnstrecke einst für Deutschland hatte, darüber weiß der Stumsdorfer Ortschronist Hermann Linge zu berichten. In gut 40 Jahren hat der jetzt 82-Jährige über die Eisenbahngeschichte seines Geburtsortes so viel zusammen getragen, dass es einen dicken Ordner füllt.
Bedauernd setzt er hinzu, dass die historische Bedeutung dieser Eisenbahnstrecke in all den Jahren leider nie die gebührende Würdigung erfahren habe. "Zum 100-Jährigen, 1940, hatte gerade der Zweite Weltkrieg begonnen. Das 150-Jährige fiel gerade auf die Wende und die Währungsunion. Da hatten die Leute anderes im Kopf, als ein Eisenbahnjubiläum zu feiern", sagt Linge verstehend. Und deshalb soll das 170-Jährige wenigstens einmal erwähnt sein, mein er. Denn ob er das 175-jährige Jubiläum noch erlebe, hoffe der 82-Jährige zwar, wisse es aber nicht.
Er blättert in seinen Unterlagen und ist im Jahre 1838. "In diesem Jahr wurden von der Stumsdorfer Kirche zum Bau der Eisenbahnstrecke Halle-Köthen-Magdeburg Grundstücke entlang des Göttnitzer Weges und darüber hinaus abgegeben", blickt er zurück und sagt, dass zwei Jahre später, also am 22. Juli 1840, die Eisenbahnstrecke Magdeburg-Halle und acht Tage später die Strecke Halle-Leipzig eingeweiht worden sei.
Im gleichen Jahr wird auch noch die Strecke Köthen-Dessau und 1841 die Strecke Dessau-Wiedenburg-Berlin eröffnet. "Damit wird Köthen der erste Eisenbahn-Knotenpunkt in Deutschland und Stumsdorf der erste Bahnhof im Kreis Bitterfeld", hebt Linge hervor. Mit diesen und den Strecken Leipzig-Dresden bestand nun damit eine Eisenbahn-Fernverbindung zwischen Berlin und Dresden. "Es ist die fünfte deutsche Eisenbahn und die erste Eisenbahnverbindung in der Welt, die mehrere Staaten - nämlich Preußen, Anhalt und Sachsen - miteinander verbindet", erzählt Linge, der sämtliche Daten auch im Kopf hat, und oftmals gar nicht nachblättern muss, leidenschaftlich.
Diese Streckenfreigaben erfolgten also nur wenige Jahre nach der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke in Deutschland - zwischen Nürnberg und Fürth - und nur 15 Jahre nach der allerersten Fahrt einer Dampflok in England mit Personenwagen - zwischen Stockton und Darlington. Doch eines ist bei den meisten Eisenbahnen bis zum heutigen Tag Standard: die Spurweite von 1 435 Millimetern, die von England übernommen wurde.
Mit dem zunehmenden Verkehr auf der Schiene und dem Bau der Strecke Stumsdorf-Zörbig-Bitterfeld wurde das bisherige Bahnhofsgebäude schnell zu klein. Ein neues, der Zeit entsprechend, musste her. Und dieses, dem damaligen Baustil angepasst und noch heute existente Gebäude, wurde am 1. Oktober des Jahres 1897 feierlich eingeweiht.
Entstanden war ein Bahnhofsgebäude mit Diensträumen, bewirtschafteten Wartesälen, Dienstwohnungen für den Bahnhofsvorsteher und Toilettenanlagen. "Das alte Bahnhofsgebäude ist daraufhin zu Dienstwohnungen für die Beamten umgebaut und daneben ein neues Gebäude für die Bahnmeisterei Stumsdorf, sowie ein Wasserturm mit den nötigen Anlagen zur Versorgung der Dampflokomotiven errichtet worden", beginnt Linge aufzuzählen. Später ist noch ein Tunnel zum Erreichen des Bahnsteiges zwei, für den Rangierbetrieb ein Ablaufberg, zur Annahme und zum Umschlag des Frachtgutes eine Güterabfertigung, eine Verladerampe mit Drehkran und die Ladestraße gebaut worden.
Nach erfolgreichem Probebetrieb der ersten mit Einphasen-Wechselstrom von 15 000 Volt betriebenen Fernstrecke zwischen Bitterfeld und Dessau, gespeist vom 1912 erbauten Eisenbahnkraftwerk Muldenstein, sollte 1923 die Strecke Halle-Magdeburg elektrifiziert werden. Doch durch die Weltwirtschaftskrise 1924 wurde der Bau wieder eingestellt, erzählt Linge weiter.
Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 ging der Bau der Strecke weiter. Am 7. Oktober 1934 war die Strecke Halle-Magdeburg fertig. Und ein Jahr später das Streckendreieck Leipzig-Halle-Köthen-Magdeburg / Magdeburg-Dessau-Bitterfeld-Leipzig. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen 1946 die Demontagen der Oberleitungen samt Gittermasten. Und ein Gleis der Eisenbahnstrecke wurde ebenfalls abgebaut. "Alles ging als Reparations-Leistungen in die UdSSR", erinnert sich Linge.
Erst knapp zehn Jahre später war die Strecke Halle-Köthen wieder eingleisig elektrisch befahrbar. "1956 war dann auch das zweite Gleis wieder gelegt und auch die dazu gehörige Oberleitung installiert." Und Linge unterstreicht, dass der Bahnhof Stumsdorf und die Bahnmeisterei Stumsdorf wichtige Arbeitgeber gewesen seien. Die Personalstärke habe bis 1970 etwa 70 Leute betragen.
Seit 1. Januar 1994 ist der Bahnhof geschlossen und seit dem 1. Juli des gleichen Jahres ist auch die Bahnmeisterei aufgelöst. "Zur Zeit sind nur noch die beiden Stellwerke besetzt", sagt Linge bedauernd, der auch den Verfall des Gebäudes beobachtet. "Jetzt gibt es auf dem Bahnsteig nur noch einen Fahrkarten-Automaten", sagt Linge.
Mitteldeutsche Zeitung, Stumsdorf/MZ, Iris Lademann, Ausgabe 06.07.2010