Die Eisenbahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf

Pressemeldung vom 13.09.2010


Dampfross verdrängt die Postkutsche

Es ist Zufall und doch schon wieder bezeichnend: Clemens Hardelt hat sich mit der Geschichte des Bahnknotenpunktes Stumsdorf befasst, sie in Text und Bildern festgehalten und eine Ausstellung gestaltet.

Die Reise in die Geschichte startet allerdings nicht im Bahnhof der Gemeinde. Ausgangspunkt ist die alte Wehrkirche. Ganz sicher auch deshalb, weil der Lack ab ist am Bahnhof, der mit seinen Gebäuden und Gleisanlagen wenig einladend wirkt. Dabei war er wie die Bahn an sich einst Dreh- und Angelpunkt des Geschehens im Ort. "Mit dem Bahnanschluss hat sich die Einwohnerzahl in Stumsdorf deutlich erhöht", weiß Ortschronist Hermann Linge. Lebten hier einst um die 100 Menschen, waren es bald nachdem die Bahn hier hielt, schon fast sechsmal so viel. "Die Bahn hat viel gebracht", ist Linge überzeugt und steuert neben Geschichten auch noch eine Original-Speisekarte aus dem Jahr 1894 bei. Zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar wurde an die festliche Tafel geladen. Es gab Krebs und Karpfen, Trüffel und edlen Wein. Das "Hotel zur Post" ließ sich nicht lumpen. Auch im Empfangshaus und späteren Roesens-Hotel gaben sich die Besucher die Klinke in die Hand.

Stumsdorf war eine recht anerkannte Adresse in der Region. "Ganz sicher war es die Bahn, die alles voranbrachte", sagt Clemens Hardelt, der durch die Liebe zur Philatelie, die Leidenschaft für Ansichtskarten und das Interesse für regionale Geschichte zum Thema Bahnhof kam. "Das passt auch recht gut zum Tag des offenen Denkmals", ist der Stumsdorfer überzeugt.

Das Motto dieses Tages "Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr" spornte ihn an, tiefer in die Geschichte einzutauchen und fast in Vergessenheit geratene Details ans Tageslicht zu holen. Am 18. August 1840 gab es in Stumsdorf die erste Eisenbahn der Region. "Noch vor Bitterfeld, wo der Siegeszug des Dampfrosses auf sich warten ließ", wie Hermann Linge weiß. Die Bahn war auf dem Vormarsch. 1845 bekam Stumsdorf das erste Bahnhofsgebäude. Der Ort war Verkehrsknotenpunkt. Bahn- und Postlinien kreuzten sich hier. "Es war eben nicht so, dass mit der Eisenbahn die Postkutsche sofort ausgedient hatte", kann Clemens Hardelt anhand alter Fahrpläne beweisen.

Möglich war schon 1847 die Fahrt von Halle nach Radegast. Allerdings steht niedergeschrieben, dass ab Stumsdorf die Weiterreise mit der Kariolpost erfolgen würde. "Keine Ahnung, was das ist?" Clemens Hardelt hat Hilfe zur Hand. Auf alten Fotos sind Pferd und Wagen abgebildet. Geschichte rückt in greifbare Nähe. Mit ihr sind es aber auch Geschichten, die die Runde machen. Da ist die vom "Wunderdoktor Hahn". Der legte in Stumsdorf eine beachtliche Karriere hin. Aus dem Schrankenwärter wurde der gut betuchte Grundstücks- und Villenbesitzer. Hahn hatte sich einen Namen damit gemacht, dass er Kranken vermeintlich Hilfe geben konnte. Es geht ums Hand auflegen, um Kräuter und jede Menge Glauben. "Es war was los hier", wissen die Stumsdorfer, für die der Bahnhof immer Dreh- und Angelpunkt war.

Der am 1. April 1903 eingeweihte Bahnhofsvorplatz war über Jahrzehnte Treff der Jugend. Auf Fotos sind lachende junge Menschen zu sehen. Ins Blickfeld rücken aber auch Aufnahmen aus dem Hier und Heute. Die Bahnanlagen haben den einstigen Glanz verloren. Auch aus Richtung Bitterfeld kommt kein Zug mehr an im Ort. Doch die Hoffnung ist groß, dass die Saftbahn irgendwann wieder rollen wird bis Stumsdorf. "Ideen gibt es viele. Bis Zörbig fahren sie ja schon", meint ein Besucher der Ausstellung.

Doch Clemens Hardelt ist mit seinen Freunden vom Philatelieverein erst einmal auf Nummer Sicher gegangen. Zum 111. Geburtstag der Saftbahn im Jahr 2008 haben sie Umschlag und Sondermarken auf den Weg gebracht. Auf einer ist der Stumsdorfer Bahnhof zu sehen. "So bleibt er wenigstens auf Papier erhalten" macht Hardelt seinem Herzen Luft. Wer weiß, was die Zukunft bringt.

Pressebild    
Foto: REPRO: ANDRÉ KEHRER/MZ
Eine alte Postkarte grüßt vom Bahnhof in Stumsdorf. Auch dieses wertvolle Stück ist in der Ausstellung zu sehen.
   

Mitteldeutsche Zeitung, Stumsdorf/MZ, ULF ROSTALSKY, Ausgabe 13.09.2010

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