Die Eisenbahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf

Pressemeldung vom 18.04.2019


Zoff im Rat

Die Stadträte sind in Wallung. Es geht um einen Gleisanschluss und um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit

Da lag was in der Luft. Wer einen Sinn dafür hat, konnte das förmlich spüren. Und diese Spannung entlud sich in einer Stadtratsitzung von Sandersdorf-Brehna. Immer wieder musste Ratsvorsitzender Jan Sittig zum Glöckchen greifen, damit sich die Gemüter beruhigen.
Im Kern ging es – und geht es seit einigen Wochen – um einen Gleisanschluss für das Gewerbegebiet Am Stakendorfer Busch. Wo sollen die Güterzüge künftig entlang fahren? Darüber gibt es, wie sich zeigt, viel Streit. Einig ist man sich jetzt zumindest darin: Nicht durch die Stadt.
Das Problem hinter der Frage
Aber hinter dieser Frage steht das eigentliche Problem: Die Fraktionen „Die Linke“ „Unabhängiges Bündnis“ (UB) und „Freie Wählerfraktion Sandersdorf-Brehna“ misstrauen der Verwaltung und vor allem deren Chef, Bürgermeister Andy Grabner (CDU). Der Vorwurf wiegt schwer: Sie fühlen sich übergangen und nicht „transparent informiert“. Sie gehen von einem Alleingang der Verwaltung aus. Davon, dass ohne im Rat darüber gesprochen zu haben, mit der Bahnstrecke längst alles in Sack und Tüten ist.
„Wir haben Sorge“, sagt Reinhard Kahsche, UB-Fraktionschef. „Wenn wir die Route durch die Stadt beschließen, können wir das dann nicht mehr bremsen.“ Und Steffen Körbs (UB) habe beobachtet, dass ein Areal im Stakendorfer Busch abgesteckt, Bäume zum Fällen gekennzeichnet seien, so dass Gleise durch den Wald verlaufen könnten. „Da ist was am Anbrennen“, meint er. „Wir haben den Verdacht, hier läuft massiv was verkehrt.“
Diese Vorwürfe bringen bei der CDU die Gefühle in Wallung. Vor allem bei Andreas Wolkenhaar. Schon vor der Ansiedlung von ProGroup sei die Gleisanbindung ein Thema gewesen. Und er erinnerte an den Aufstellungsbeschluss von 2017, wo es um eine Anbindung des Gleises an die Saftbahn ging. Daran habe sich damals niemand gestoßen. „Doch, ich“, rief sich Körbs in Erinnerung.
„Was hat sich seit 2017 geändert, dass man das gänzlich in Frage stellt und einige Stadträte das erst jetzt erfahren“, fragt der Bürgermeister, der verneint, dass schon Aufträge zur Realisierung der Gleisverlegung durch den Wald vergeben wurden. Für Wolkenhaar ist die Sache klar: „Das ist reiner Wahlkampf!“
Versöhnliche Variante?
Mit seiner ruhigen Art glättete Torsten Kaltofen (CDU) die Wogen: „Wir wollen doch alle das Gleiche. Lasst uns erstmal alle Rahmenbedingungen und Fakten auf den Tisch tun, prüfen und dann entscheiden.“ Drei Varianten der Streckenführung liegen vor. Welche ist machbar, wirtschaftlich und schonend für Natur und Mensch? Eine vierte, sozusagen versöhnende, kam zum Schluss noch ins Spiel – von Wolkenhaar. Die allerdings geht richtig ins Geld. Doch die schlug so ein, dass die UB-Fraktion Beifall klopfte und alle Räte den Bürgermeister in seinem Vorschlagbestärkten, beim Wirtschaftsminister vorzusprechen. „Das hat jetzt Priorität“, so Grabner, der mit dieser Alternative aber auf eine mögliche Belastung von Wachtendorf hinwies. „Parallel prüfen wir alle anderen Varianten.“
Also hatte Kahsche letztlich wohl doch Recht, als er anfangs in heißer Debatte erklärte: „Fakt ist doch, dass enormer Redebedarf besteht.“ Ob der jetzt gestillt ist, wird sich zeigen.

Mitteldeutsche Zeitung „ Bitterfelder Zeitung“, Sandersdorf/MZ von Christine Färber, 18.04.2019

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