Die Eisenbahnstrecke Bitterfeld - Stumsdorf

Pressemeldung vom 13.08.2020


Stündlicher ICE nach Berlin?

SCHIENENPAKT Der Bund will die Fahrgastzahlen auf der Schiene verdoppeln. Auch der Bahnhof in Bitterfeld und die Saftbahn könnten profitieren. Aber es bleiben Fragen.

Halten künftig mehr Züge in Bitterfeld? Bekommt Dessau bald wieder eine tägliche Fernverkehrsverbindung? Und wird der Bahnhof in Barby in Zukunft wieder angefahren? Mit dem Ende Juni von Bund, Branchenverbänden und Gewerkschaften beschlossenen „Schienenpakt“ sollen all diese Frage eine Antwort erhalten.
Geht es nach den Partnern des Schienenpaktes, soll das Bahnfahren deutschlandweit wieder attraktiver werden. Die Ziele sind ehrgeizig: Geplant ist bis zum Jahr 2030 die Zahl der Fahrgäste zu verdoppeln sowie den Anteil des Schienengüterverkehrs auf 25 Prozent zu erhöhen. Dazu will man Bahnstrecken ausbauen, mehr Züge fahren lassen und Fahrpläne bundesweit aufeinander abstimmen.
Grundlage für alle Planungen des „Schienenpaktes“ ist der sogenannte „Deutschlandtakt“, der nach Schweizer Vorbild ermöglichen soll, dass es verlässliche und stündlich immer gleiche Abfahrtszeiten und Anschlussverbindungen gibt. „Es ist das erste Mal, dass man bundesweit gemeinsam versucht erst einen Fahrplan zu erstellen und danach die Infrastruktur zu planen“, erklärt Tobias Jensch, Abteilungsleiter der Angebotsplanung beim Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt (NASA). Bislang seien Baumaßnahmen am Schienennetz oft kleiner gedacht und geplant gewesen. „Aber das ist weniger effizient und weniger zielführend.“

Welche neuen Verbindungen sieht der „Deutschlandtakt“ für die Region Anhalt vor?
Dessau könnte wieder an den Fernverkehr angebunden werden. Ein lang gestellte Forderung aus der Stadt. Geplant ist eine zweistündliche Verbindung zwischen Leipzig, Dessau, Potsdam und Berlin. Wo der bisherige Regionalexpress 1.40 Stunde benötigt, soll die neue Verbindung von Dessau nach Berlin dann nur 1.20 Stunden dauern. „Seitens der Gutachter wird hier eine IC-Verbindung empfohlen“, sagt Planer Tobias Janisch, sicher sei dies aber nicht.
Die IC-Verbindung zwischen Emden/Köln, Hannover und Halle/Leipzig über Köthen soll auch in Zukunft angeboten werden, aber auch hier warnt Janisch: „Seitens des Bundes muss auch diese Strecke nicht zwingend über ein IC-Angebot betrieben werden.“ Das heißt: Diese Verbindung könnte zum Regionalexpress herabgestuft werden.
Dafür würde aber Bitterfeld einen stündlichen ICE-Halt bekommen und so auch eine stündliche Fahrt nach Berlin ermöglichen. Konkret würden sich hier die Strecken Frankfurt (Main)- Leipzig - Berlin sowie Leipzig -Berlin - Ostseebad Binz kreuzen.
Im Nahverkehr soll mit dem Schienenpakt vor allem die S-Bahn-Strecke zwischen Dessau und Bitterfeld ausgebaut werden: „Hier möchten wir künftig einen halbstunden Takt anbieten“, erklärt Jensch, „wir haben gesehen, dass es hier viel Potenzial gibt.“ Zudem soll der bisherige Regionalexpress zwischen Leipzig und Magdeburg schneller werden.
Welche Verbindung würde unter den Plänen leiden?
„Ein Problem sehen wir“, so Janisch, „zwischen Bitterfeld und Lutherstadt Wittenberg würden nach der bisherigen Planung deutlich mehr Fernverkehrszüge rollen.“ Konkret wären es neun ICE pro Stunde, was im Umkehrschluss heißt: „Für die S-Bahn ist dann kaum noch Platz auf diesem Streckenabschnitt. S-Bahnen müssten dann noch deutlich länger als heute schon in Radis auf die Weiterfahrt warten: „Ein Punkt, den wir so nicht akzeptieren können.“, so Jensch. Wie eine Lösung aussieht, ist offen.

Welche Baumaßnahmen sind für den Schienenpakt notwendig?
„Infrastrukturell wäre ein Großteil der Pläne bereits heute möglich“, sagt Jensch. Nur zwischen Wolfen und Dessau sowie Roßlau und Wiesenburg müssen die Strecken zwischen 2022 und 2025 noch soweit ausgebaut werden, dass Fahrten bis 160 km/h überhaupt erst möglich werden.
Zudem müssen die Strecken Güterglück-Magdeburg und Dessau-Wittenberg zwischen 2021 und 2025 weiter saniert sowie der Knoten Köthen bis 2029 weiter schrittweise umgebaut werden. Auch die stillgelegte Strecke bei Barby müsste erst wieder komplett modernisiert werden, bevor man sie nutzen kann. Das kann aber noch einige Jahre länger dauern.

Welche Bahnstrecken könnten mit dem Schienenpakt wiederbelebt werden?
Die Ende 2004 stillgelegte Strecke über Barby und Güterglück ist bereits in die Planung aufgenommen worden. „Diese Strecke könnte zusätzlich den Güterverkehr entlasten“, führt der NASA-Planer Jensch einen großen Vorteil an. Zusätzlich würde dann aber auch der Personenverkehr profitieren. „Die Umsetzung erfolgt aber frühestens in der zweiten Hälfte der 2020er, wahrscheinlich sogar erst in den 2030ern.“
Die 2002 außer Betrieb genommene Strecke der Saftbahn bei Stumsdorf (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) soll zumindest über das neue Gleis zur Papierfabrik wieder eine Nutzung finden. Ob künftig auch wieder Personen durch den Stakendorfer Busch fahren, ist für den NASA-Planer aber noch offen: „Wir stehen in engem Kontakt mit den Bürgermeistern vor Ort, eine mögliche Lösung wäre etwa die Einbeziehung in den S-Bahn-Verkehr.“ Das sei aber auch eine Frage der Auslastung. Dies soll in den kommenden zwei Jahren geprüft werden. Sollten die neuen Firmen ausreichend Pendler anziehen, besteht die Chance auf eine Wiederbelebung. Bislang scheint dies laut Jensch aber noch nicht sonderlich wahrscheinlich.

Wie realistisch ist die Umsetzung all dieser Pläne für die Region?
„Bislang sind das fast alles nur Planungen“, erklärt Jensch, „die Finanzierung ist noch völlig unklar.“ Allerdings macht er auch Hoffnung: „Die bisherigen Entwürfe des Deutschlandtakes standen unter dem planerischen Aspekt, beim aktuellen Entwurf sind auch juristische und wirtschaftliche Aspekte in das Gutachten mit eingeflossen.“
Zudem klingt eine Planung bis 2030 erst einmal greifbar: „Zehn Jahre sind bei Planungen im Schienennetz schon sehr kurze Zeitsprünge“, so Jensch.
Schlussendlich hängt alles auch am Willen der Bürger: „Schienenpakt“ und „Deutschlandtakt“ sind Teil des Koalitionsvertrags zwischen Bundes-CDU und Bundes-SPD. Mit einer neuen Regierung können sich auch deren Pläne und Prioritäten noch einmal ändern - mit positiven wie negativen Auswirkungen. Bislang sind die Pläne nicht rechtlich bindend.

Mitteldeutsche Zeitung „ Bitterfelder Zeitung“, Bitterfeld/Dessau/MZ von Frank Krause, 13.08.2020

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