Die Zörbiger Saftbahn

Pressemeldung vom 19.12.2002


Von der "Saftbahn" zur "Schnapsbahn"?

Großanlage für Bioalkohol wird in der Zörbiger Thura Mark gebaut

Auch Chance für stillgelegte Eisenbahnstrecke Bitterfeld – Stumsdorf (Saftbahn).

Zörbigs Stadträte staunten nicht schlecht, als ihnen Dr. Bernd Klotz zu ihrer turnusmäßigen Ratssitzung das Projekt zur Produktion von 40.000 Tonnen Bioethanol näher brachte. Von Dr. Klotz Projektleiter der MBE (Mitteldeutsche BioEnergie GmbH & Co. KG) mit Sitz im Gewerbegebiet Thura Mark, erfuhren sie, dass vor der Stadt ein moderner Industriebetrieb geplant ist, der aus stärke- und zuckerhaltigen Rohstoffen durch Vergärung hochwertigen technischen Alkohol herstellen wird. In den drei geplanten Produktionslinien kommt überwiegend Getreide zum Einsatz. Andere zucker- oder stärkehaltige Wertstoffe ausschließlich pflanzlicher Natur wie Backwaren mit abgelaufenen Haltbarkeitsdatum, Konfitüren, Fruchtsäfte u.v.m. lassen sich in dieser Produktionslinie ebenfalls zu hochwertigem Alkohol aufarbeiten. Auch der Abfall, der bei der Produktion entsteht wird weiter verwendet. Zum einen kann ein Teil kompostiert werden und ein weiterer Teil ist nach der Trocknung ein ausgezeichnetes Tierfutter.

Für die Landwirtschaft ergäben sich dadurch auch neue Perspektiven weil die EU-Förderungen schrumpfen. "Denn auch der Roggen, das typisch deutsche Brotgetreide, das auch auf weniger guten Böden wächst, lässt sich sehr gut, wie auch Mais, Weizen, ja sogar Hülsenfrüchte, zu Bioalkohol verarbeiten", sagte Dr. Klotz. Außer der Produktionsanlage entstehen noch zwei Blockheizkraftwerke, die mit Biobrennstoff betrieben werden, und ein zusätzlicher Dampfkessel. Der erzeugte Strom wird in das Netz gespeist und die Abwärme im Produktionsprozess eingesetzt.

Das Endprodukt, ein Bioethanol hoher Reinheit mit einer Konzentration von 99,8 Vol%, eignet sich als Lösungsmittel, als Benzinzusatz (bis 10%) zur Verbesserung der Klopffestigkeit und kann auch direkt zu einem Antiklopfmittel für Benzin weiterverwendet werden. Da der Bioalkohol ab 2003 nicht mehr der Mineralölsteuer unterliegt, könne sch das vielleicht günstig auf den Benzinpreis auswirken, so Dr. Klotz.

Die 25. Mio. Euro Investition sei stark geprägt von den Warentransporten, führte Dr. Klotz aus. Rund 130 bis 140 Tausend Tonnen Rohstoffe (Getreide) müssen antransportiert, etwa 40 Tausend Tonnen Alkohol und rund 68 Tausend Tonne Schlempe (zum Kompostieren und zur Futterverarbeitung) jährlich abtransportiert werden. Muss dies mit Lkw erfolgen, würden bei 250 Produktionstagen im Jahr täglich fast 40 Lkw rollen. Deshalb sei das Unternehmen an der Nutzung der stillgelegten "Saftbahn" interessiert und hat auf seinem Werksgelände drei Gleise mit einer Länge von 800 Metern vorgesehen. Immerhin würden täglich etwa 20 Güterwagen a 50 Tonnen zu fahren sein. Der Bahntransport wäre umweltfreundlich und bei der derzeitigen Entwicklung auch kostengünstiger als der Straßentransport. Auch noch zwei weitere Unternehmen würden an der Bahnnutzung Interesse bekunden, informierte Klotz. Es seien bereits Gespräche beim Landrat zu diesem Thema vorgesehen.

Rund 50 neue Arbeitsplätze stellte der Projektleiter in Aussicht, davon die Hälfte in der Produktion und acht in der Logistik. "Das ist für Zörbig schoin ein Großbetrieb", freute sich Bürgermeister Sonnenberger. Und ein Stadtrat forderte: "Machen Sie schnell!"

Und Eile ist geboten, denn auch auf der Bio-Strecke gibt es immer mehr Mitbewerber. Dr. klotz rechnet mit einem zügigen Genehmigungsverfahren und einen vorgezogenen Baubeginn im April – Mail. Dann wäre ein Produktionsstart im Januar 2004 realistisch. Wenn das Projekt weiter so unterstützt würde, wie von der Verwaltungsgemeinschaft Zörbig, stünde einer zügigen Realisierung nichts mehr im Wege, ist Klotz überzeugt.

Und könnte die "Saftbahn" wiederbelebt werden, würde sie vielleicht doch zur "Schnapsbahn"!

Wochenspiegel Landkreis Bitterfeld

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