Die Zörbiger Saftbahn

Pressemeldung vom 19.07.2025


„Schildbürger-Streich“ am neuen Bahnhof in Bitterfeld? Bahn lässt Fassade wieder abmontieren

Kurz nach der Eröffnung des Bitterfelder Bahnhofs werden Aluminiumteile an der Frontseite wieder abgebaut. Bei Bürgern stößt das auf Unverständnis. Was steckt hinter der Aktion?

Bitterfeld/MZ. - Die gold-bernsteinfarbene Fassade ist das Aushängeschild des neuen Bitterfelder Bahnhofs. Bei der feierlichen Eröffnung am Mittwoch leuchtete sie den Besuchern entgegen. Doch nur einen Tag danach ist das Schmuckstück verschwunden.

Die glänzenden Teile aus recyceltem Aluminium wurden wieder abgebaut. Statt der Bernsteinfassade klafft nun an der kompletten Vorderfront ein riesiger Hohlraum. Bahnpassagiere starren auf die metallene Unterkonstruktion der Fassade. In Bitterfeld ist die Aufregung groß. Was ist hier passiert?

Völlig überraschend kommen die Arbeiten an der Fassade des neuen Bitterfelder Bahnhofs nicht
Völlig überraschend kommen die Arbeiten an der Fassade nicht. Schon Anfang der Woche war klar, dass die Montage nicht rechtzeitig beendet sein wird. Trotz eingelegten Nachtschicht klaffte an der markanten Spitze der Bernstein-Fassade zum Eröffnungsakt noch ein großes Loch. Doch dass die gesamte goldglänzende Fassadenfront noch einmal entfernt werden muss, ahnten da die wenigsten.

Ein Bahn-Sprecher teilte am Freitag auf Nachfrage mit, dass „bei den bernsteinfarbenen Blechen der Fassade Korrekturen notwendig sind“. Welche das im Einzelnen sind, erklärte er nicht. Sind etwa auch an der Unterkonstruktion Nacharbeiten nötig? Der Sprecher ergänzt nur: „Es werden noch zwei Zugangstüren für die Revision des Hohlraumes hinter der Fassade nachgerüstet.“ Dafür habe man noch einmal alle Fassadenelemente abnehmen müssen.
Erneut eingerüstet wird der Bahnhof für diese Arbeiten jedoch nicht. Vielmehr erfolgte die Demontage der Aluteile mit Hilfe einer Hebebühne. Diese kommt auch bei den weiteren Schritten bis zum Einbau der Elemente zum Einsatz. Doch wie lange sollen diese „Korrekturen“ dauern und was bedeutet das für die Reisenden?
Ziel ist es, so der Bahn-Sprecher, diese Nacharbeiten in den nächsten zwei Wochen abzuschließen. „Mit der Neumontage wurde bereits begonnen.“ Davon war am Freitagmittag allerdings noch nichts zu sehen. „Die wichtige Botschaft für unsere Reisenden und Bahnhofsbesucher ist: Der Zugang zum Bahnhof und alle Serviceeinrichtungen im Empfangsgebäude stehen uneingeschränkt zur Verfügung.“ Das bedeutet auch, dass der gläserne Haupteingang trotz der Fassadenarbeiten geöffnet bleibt.
Die einmalige Bernsteinfassade sorgt damit zum wiederholten Mal für Probleme. Zuerst hatte die zusätzlich angeordneten Blitzableitern auch für die metallene Fassade für Verzögerungen gesorgt. Dann wurde unerwartet angeordnet, dass die Alufassade alle vier Jahre durch einen Prüfer kontrolliert werden muss. Deshalb musste der Bereich hinter der Fassade begehbar gemacht werden, was eine Verstärkung der montierten Stahl-Unterkonstruktion erforderte. Und auch die Teile selbst sind einzigartig und müssen vor Ort einzeln passgenau gemacht werden.
Doch diese technischen Schwierigkeiten und das Arbeitstempo der Baufirma interessieren die Bitterfelder wenig. Die meisten schütteln über das Fassaden-Desaster den Kopf. In den sozialen Medien sind viele Kommentare voller Spott. Von „Potemkinschen Dörfern“ und „Schildbürger-Streich“ ist die Rede. Andere fragen, ob es einen Sturm gab oder warum der Bahnhof eröffnet wird, wenn er noch gar nicht fertig ist.

Bitterfelds Bahnhofsmanger Karsten Kammler kann die Kritik gut nachvollziehen
Der zuständige Bahnhofsmanager Karsten Kammler kann die Kritik gut nachvollziehen. „Ich ärgere mich ja auch sehr, dass wir das nicht punktgenau hinbekommen haben.“ Die ständigen Änderungen hätten zu starken Zeitverlusten geführt. Doch sei die Bernstein-Fassade nun mal kein Produkt von der Stange. „Da zeigen sich manche Schwierigkeiten erst direkt bei der Montage.“ Aber hätte man die Eröffnung dann nicht verschieden sollen? Aus Kammlers Sicht war das unmöglich.

„So ein Termin mit Ministerin, Staatssekretär, Bahn-Vorstand, Oberbürgermeister und vielen anderen muss Wochen vorher abgestimmt werden.“ Es sei schwierig gewesen, überhaupt einen gemeinsamen Termin zu finden. Den könne man nicht drei Tage vorher wieder ändern. Zudem standen auch die Bäckerei und der Reisebedarf in den Startlöchern. Eine Verschiebung hätte wirtschaftliche Verluste für sie bedeutet. Und hätte man den voll funktionstüchtigen Bahnhof noch ein paar Wochen zu gelassen, hätte das auch Kritik hervorgerufen. „Für die Bahnkunden war die Eröffnung richtig.“

Pressebild Pressebild Pressebild
Foto: Thomas Schmidt
Die Fassade ist wieder ab.
Foto: Thomas Schmidt
Die Bauarbeiter entfernen von der Hebebühne aus die Bernstein-Elemente.
Foto: Thomas Schmidt
Foto: Frank Czerwonn
Projektleiter Alexander Hartmann zeigte am 1. Juli eines der Aluteile für die Fassade.

Mitteldeutsche Zeitung, Bitterfeld/MZ, von Frank Czerwonn, MZ-Web, Ausgabe: 19.07.2025

zurück zur Presseübersicht