Kauft Zörbig die Saftbahn?
In diesen Tagen jährt sich die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Bitterfeld und Stumsdorf zum 20. Mal. Was ist in den letzten Jahren passiert und wie könnte es weitergehen?
Zörbig/MZ. - Am 9. August 2005 rollten erstmals wieder Güterzüge auf der Bahnstrecke zwischen Bitterfeld und Zörbig – nun jährt sich die Wiederaufnahme des Betriebs zum 20. Mal. Die 1897 eröffnete „Saftbahn“, deren Name auf frühere Transporte von Rüben, Marmelade und Zellulose zurückgeht, könnte eine Zukunft haben, die weit über die Verwendung als Güterverkehrsstrecke hinausgeht.
Die ist bedeutsam: „Ohne das Gleis wäre die Verbio-Anlage in dieser Größenordnung nicht entstanden“, sagt Sebastian Herbsleb, langjähriger Chronist der Strecke, und betont auch die symbolische Bedeutung: „Die Saftbahn hat schon immer zu Zörbig gehört.“
Neustart als S-Bahn?
Was einst als Strecke für Pendler begann und lange von Arbeitern zwischen Bitterfeld und Stumsdorf genutzt wurde, hat sich zu einer reinen Gütertrasse entwickelt – bislang. Doch neue Pläne könnten ihr ein zweites Leben einhauchen.
Denn derzeit wird im Auftrag des Landes eine Machbarkeitsstudie erstellt, die eine Reaktivierung des Personenverkehrs prüft (die MZ berichtete). Geprüft werden dabei mehrere Varianten (siehe „Vier S-Bahn-Varianten werden untersucht“).
Oliver Behre, Vorsitzender des Landesverbands Elbe-Saale im Verkehrsclub Deutschland (VCD), betont das „Reaktivierungspotenzial“ der Verbindung: „Für Sachsen-Anhalt ist das eine der vielversprechendsten Strecken“, sagt er. Das Ziel sei klar: „Ein umweltfreundlicher und zukunftsfähiger öffentlicher Nahverkehr.“
Parallel dazu verfolgt die Stadt Zörbig derzeit einen ehrgeizigen Plan: Sie will die Saftbahn-Strecke von der DB Netz erwerben. „Wir stehen in Verhandlungen über einen Erwerb des Abschnitts zwischen Bitterfeld und Zörbig“, bestätigt Jürgen Frieling, Geschäftsführer der Zörbiger Infrastrukturgesellschaft (ZIG). Die Pachtverträge seien kürzlich um weitere fünf Jahre verlängert worden – mit einer Klausel, die einen Kauf schon vor 2029 ermöglicht. „Nach 20 Jahren müssen wir dringend in die Strecke investieren. Dafür brauchen wir Planungssicherheit“, erklärt Frieling. Die Strecke sei zwar weiter nutzbar, aber „Signaltechnik, Ersatzteile, Weichen – da gibt es einiges zu tun“.
Ein solcher Eigentümerwechsel ist laut dem Magdeburger Verkehrsministerium unproblematisch. Sprecher Peter Mennicke erklärt auf MZ-Anfrage: „Der geplante Kauf steht nicht im Zusammenhang mit der laufenden Studie zur Reaktivierung des Personenverkehrs. Auswirkungen sind deshalb nicht zu erwarten.“ Man sehe darin ein Zeichen langfristigen Interesses der Stadt Zörbig. „Solche Schritte sind in Sachsen-Anhalt nicht unüblich“, so Mennicke.
Es ist Luft nach oben
Im Alltagsbetrieb fahren heute zwei bis drei Güterzüge pro Woche, etwa mit Ethanol oder Getreide. „Tendenz steigend“, sagt Frieling – zumal auch Unternehmen in Bitterfeld-Wolfen und Sandersdorf-Brehna davon profitieren könnten. Die Fixkosten seien allerdings hoch, betont er. „Damit sich das rechnet, muss die Auslastung langfristig stimmen.“ Dass die Strecke weiter betrieben werde, sei dennoch entscheidend: „Für den Standort und die Gewerbesteuer-Einnahmen.“
Kay Falz von der Deutschen Bahn – selbst Zörbiger und DB-Notfallmanager im Bezirk – sieht den Kauf der Strecke durch die Kommune grundsätzlich positiv. „Je mehr Verkehr auf der Schiene, desto besser“, sagt er. Allerdings sei auch klar: „Wenn mehr Züge fahren sollen, muss investiert werden – in Technik, Sicherheit, Bahnübergänge.“ Dass sich die DB Netz die Strecke zurückholen wolle, glaubt er nicht: „Dafür ist sie zu speziell.“
Für Herbsleb steht ohnehin fest: „Es ist eine Chance – keine Garantie. Aber die Stadt hätte als Eigentümerin mehr Gestaltungsspielraum.“ Auch Oliver Behre sieht vor allem Vorteile – warnt aber vor politischen Blockaden: „Wenn die Kommunen nicht mitziehen, kann das Projekt scheitern. Das haben wir andernorts schon erlebt.“
Wie es mit der Saftbahn weitergeht, entscheidet sich nicht nur im Stadtrat von Zörbig, sondern auch im Landtag und durch den Ausgang der Machbarkeitsstudie des Verkehrsministeriums. Klar ist: Die Geschichte der Saftbahn ist noch nicht zu Ende geschrieben.
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| Foto: Mitteldeutsche Zeitung, Ausgabe: 11.08.2025 |
Mitteldeutsche Zeitung, Zörbig/MZ, von Robert Martin, Ausgabe: 11.08.2025