Die Zörbiger Saftbahn

Pressemeldung vom 18.02.2026


Neues Leben auf alten Gleisen?

Erstmals in Sachsen-Anhalt rückt die Reaktivierung einer stillgelegten Bahnverbindung für den Personenverkehr näher. Warum es um mehr geht als nur um eine Nebenstrecke bei Bitterfeld.

Bitterfeld/MZ. - Stumsdorf, Landkreis Anhalt-Bitterfeld, ist vielleicht nicht der Nabel der Welt. Doch für Sachsen-Anhalts Infrastrukturministerium und die Landesnahverkehrsgesellschaft Nasa hat der 500-Einwohner-Ort an der Bahnstrecke Halle-Magdeburg derzeit große Bedeutung: Erstmals im Land soll dort eine stillgelegte Bahnstrecke für den Personenverkehr wiederbelebt werden, die rund 20 Kilometer lange Verbindung nach Bitterfeld.
Das legt jedenfalls eine von der Nasa in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie nahe, die der MZ vorliegt. Demnach halten die Gutachterinnen es für sinnvoll, die reaktivierte Strecke für eine direkte S-Bahn-Linie von Leipzig über Bitterfeld bis nach Köthen zu nutzen. Das Land muss nun entscheiden, ob es die Pläne weiterverfolgen will. Mit der Studie rückt eine Reaktivierung aber deutlich näher.

Reaktivierung der Bahnstrecke von Stumsdorf nach Bitterfeld wäre eine Abkehr der bisherigen Politik im Land

Es wäre eine Abkehr von der bisherigen Politik im Land: Bundesweit fordern Verkehrsverbände seit Jahren, stillgelegte Bahnstrecken wiederzubeleben. Sie argumentieren, nur mit mehr Schienenverkehr könne der Bund seine Klimaziele erreichen. Zudem könnten Bahnverbindungen den Straßenverkehr entlasten und strukturschwache ländliche Gebiete attraktiver für Zuzug und die Ansiedlung von Unternehmen machen. Doch Sachsen-Anhalt will davon bislang nichts wissen. Das Land will sich stattdessen darauf konzentrieren, das bestehende Schienennetz fit zu machen, damit der Verkehr dort flüssiger läuft.
Doch der Fall Bitterfeld-Stumsdorf liegt anders. Dort geht es nicht nur um 20 Kilometer Nebenbahn. Vielmehr würde mit der Reaktivierung eine Lücke im Schienennetz geschlossen, mit Folgen über die Region hinaus. Eines der wichtigsten Industriezentren Sachsen-Anhalts, der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen, würde so via Köthen einen direkten Bahnanschluss aus Richtung Landesnorden erhalten, ohne den Umweg über Halle oder Dessau. Und mit einer direkten S-Bahn-Verbindung von Leipzig via Bitterfeld nach Köthen würde die Region noch enger an den Großraum Halle/Leipzig rücken.

Mit Blick auf die Entwicklung von Gewerbegebieten, etwa des Industriegebietes Brehna oder des Technologieparkes Mitteldeutschland, beide an der A9 gelegen, geht die Machbarkeitsstudie von einem Zuwachs an Arbeitsplätzen bis Mitte der 30er Jahre aus – und damit von einem wachsenden Bedarf an Nahverkehrsangeboten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Im günstigsten Fall, so die Annahme, würde die Zahl der Arbeitsplätze in den Kommunen Bitterfeld-Wolfen, Sandersdorf-Brehna und Zörbig von 29.900 auf 39.100 steigen.

Im Falle einer S-Bahn-Direktverbindung von Köthen via Bitterfeld nach Leipzig rechnen die Gutachter mit durchschnittlich 950 Fahrgästen täglich

Reicht das für eine neue S-Bahn? Im Falle einer S-Bahn-Direktverbindung von Köthen via Bitterfeld nach Leipzig rechnen die Gutachterinnen im günstigsten Fall mit durchschnittlich 950 Fahrgästen täglich – mehr als dreimal so viele, wie aus Sicht der Landesnahverkehrsgesellschaft Nasa mindestens notwendig sind. Die Verkehrsplaner des Landes gehen davon aus, dass sich eine Bahnstrecke erst ab 300 Reisenden täglich wirtschaftlich betreiben lässt.
Die Studie kommt deshalb zu dem Schluss: Die Reaktivierung der Strecke Bitterfeld-Stumsdorf mit Einrichtung einer Direkt-S-Bahn Leipzig-Köthen lohnt sich. Trotz einer veranschlagten Investitionssumme von knapp 130 Millionen Euro übersteige der Nutzen die Kosten – das ist die Voraussetzung dafür, dass Fördermittel fließen können. Bei einer anderen untersuchten Variante mit einer S-Bahn-Verbindung von Leipzig über Bitterfeld nach Halle seien zwar noch mehr Fahrgäste zu erwarten. Wegen verschiedener anderer Faktoren falle das Kosten-Nutzen-Verhältnis dabei aber dennoch negativ aus.

Verkehrsverbände beklagen, dass die Wiederbelebung von Bahnstrecken zu lange dauert

Entscheidet sich das Land für die Reaktivierung, werden wohl noch mindestens zehn Jahre vergehen, ehe wieder Züge zwischen Bitterfeld und Stumsdorf rollen. In einer früheren Prognose war die Nasa wegen langwieriger Planungs- und Genehmigungsverfahren von einer Fertigstellung der Strecke in der zweiten Hälfte der 30er Jahre ausgegangen. Verkehrsverbände, die sich für die Wiederbelebung von Strecken einsetzen, beklagen seit langem, dass Planung und Bau viel zu lange dauerten. Sie fordern, Verfahren zu vereinfachen und Fördermittel aufzustocken.
Der Zugverkehr auf der 1897 eröffneten Verbindung war 2002 eingestellt worden. Seit 2005 fahren zwischen Bitterfeld und Zörbig wieder ab und an Güterzüge. Wegen ihres schlechten Zustandes müsste die Strecke laut der Studie in weiten Abschnitten grundlegend saniert oder sogar neu gebaut werden. Auch Bahnübergänge müssten demnach modernisiert, auf Unterwegsbahnhöfen neue Stellwerke errichtet und die Gleisanlagen elektrifiziert werden.

KOMMENTAR

Gutes Angebot schafft Nachfrage

Alexander Schierholz …hält es für richtig, Bahnlinien zu reaktivieren.

Es gibt bedeutendere Bahnlinien in Sachsen-Anhalt als die 20 Kilometer lange Nebenstrecke von Bitterfeldnach Stumsdorf. Dennoch sollte das Land das Ergebnis der Machbarkeitsstudie für eine Reaktivierung ernst nehmen und das Projekt weiter verfolgen. Ein Lückenschluss zwischen Bitterfeld und Stumsdorf wäre landesweit relevant – mit dem Chemiepark Bitterfeld-Wolfen würde eines der industriellen Kraftzentren des Landes noch besser erschlossen.
Das Land darf dabei aber nicht stehen bleiben. Bahnverbände schlagen seit Jahren zu Recht die Wiederbelebung zahlreicher toter Gleise vor, auch in Sachsen-Anhalt. Deutschland wird seine Klimaziele nur erreichen, wenn der Verkehrssektor seinen Teil dazu beiträgt. Dazu muss mehr Verkehr auf die Schiene verlagert werden.
Sachsen-Anhalt sollte daher auch weitere Reaktivierungsprojekte in Angriff nehmen, die bisher buchstäblich auf der Strecke blieben, so zwischen Berga-Kelbra und Stolberg oder zwischen Zeitz und Altenburg. Die Mindestfahrgastzahl von 300 Reisenden täglich darf dabei nicht länger ein Ausschlusskriterium sein. Dass ein gutes Nahverkehrsangebot Nachfrage schafft, kann die Landesnahverkehrsgesellschaft Nasa schließlich vor der Haustür studieren: Mit der direkten S-Bahn-Linie Halle-Merseburg-Querfurt ab Ende 2024 sind die Fahrgastzahlen dort in kurzer Zeit rapide gestiegen.

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Mitteldeutsche Zeitung, Printausgabe 18.02.2026
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Mitteldeutsche Zeitung, Printausgabe 18.02.2026
 

Mitteldeutsche Zeitung, Online- und Printausgabe vom 18.02.2026 von Alexander Schierholz

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